Lochen Dharmaśrī

In unse­ren Brei­ten kann kaum jemand mit dem Namen Lochen Dhar­maśrī etwas anfan­gen. In Tibet jedoch war Lochen Dhar­maśrī, spä­ter auch mit sei­nem reli­giö­sen Titel Min­ling Lochen Dhar­mashri genannt, ein bedeu­ten­der Gelehr­ter. Wie die meis­ten Gelehr­ten sei­ner Zeit war er ein bud­dhis­ti­scher Mönch, der zwi­schen 1654 und 1717 lebte.

Ein Schritt in die Geschichte Tibets

Lochen Dhar­maśrī gehörte als Gelehr­ter zur so genann­ten Phugpa-Schule der Mindröl-Ling-Tradition, die wie­derum als Unter­schule der Nyingma-Schule im tibe­ti­schen Bud­dhis­mus galt. Die gro­ßen und bedeu­ten­den Schu­len des Bud­dhis­mus waren die Gelugpa, die bis heute das reli­giöse und poli­ti­sche Staats­ober­haupt Tibets mit der Insti­tu­tion des Dalai Lamas stel­len, und die Karma Kar­gyütpa, die als Ober­haupt den Karmapa haben. Dane­ben gab es noch klei­nere bud­dhis­ti­sche Sek­ten wie die Nying­mapa, die auch heute noch exis­tie­ren. Sie alle bezie­hen sich auf exakt die­sel­ben bud­dhis­ti­schen Schrif­ten, legen sie jedoch ver­schie­den aus. Lochen Dhar­maśrī war ein Bru­der von Ter­tön Ter­dag Lingpa, der zwi­schen 1646 und 1714 lebte und als Grün­der der Mindröl-Ling-Tradition in die Geschichts­bü­cher ein­ging. Lochen Dhar­maśrī wurde in sei­ner Nach­folge als zwei­ter Minling-Khenchen-Rinpoche-Abt des von sei­nem Bru­der begrün­de­ten Klos­ters Mind­röl Ling. Er nahm als eine der zen­tra­len Figu­ren der Phugpa-Schule gro­ßen Ein­fluss auf die Ent­wick­lung der tibe­ti­schen Astro­lo­gie und Astro­no­mie. Deren Begrün­dung hat Tibet einem gewis­sen Lhün­d­rub Gyatsho zu ver­dan­ken. Lochen Dhar­maśrī betei­ligte sich an der Wei­ter­ent­wick­lung der tibe­ti­schen Astro­lo­gie und Astro­no­mie mit einer Schrift, die über­setzt etwa „Unter­wei­sung über Kal­ku­la­ti­ons­kunde, Schein des Tag­ma­chers” bedeu­ten könnte. Mit dem Tag­ma­cher ist natür­lich die Sonne gemeint. Das Werk von Lochen Dhar­maśrī ent­stand zur Blü­te­zeit der so genann­ten Phugpa-Schule. Lochen Dhar­maśrī begann mit dem Schrei­ben im Jahre 1681 und voll­en­dete es erst nach 32 Jah­ren der For­schung. Bereits 1684 hatte Lochen Dhar­maśrī als Ver­fas­ser einer ande­ren Schrift Auf­se­hen erregt. Sie befasste sich mit ver­schie­de­nen sino-tibetischen Divina­ti­ons­kal­ku­la­ti­ons­ar­ten. Lochen Dhar­maśrīs Leben nahm ein gewalt­sa­mes Ende, als 1717 die Dsun­ga­ren in das abge­le­gene Land im Hima­laya ein­fie­len. Sie ver­folg­ten sei­ner­zeit alle Anhän­ger der bud­dhis­ti­schen Nyingma-Schule und brach­ten sie um.

Ein Blick in die tibe­ti­sche Astro­lo­gie und Astronomie

Für aus­ge­wie­sene Tibetin­ter­es­sen­ten sei gesagt, dass die wich­tigs­ten Ein­fluss­neh­mer auf die tibe­ti­sche Ster­nen– und Him­mels­kunde Gelehrte wie Chö­g­yel Phagpa, Phugpa Lhün­d­rub Gyatsho und Butön Rin­chen Drub, Nor­sang Gyatsho und Pel­gön Thrinle, Tshur­phu Jamyang Chenpo Dön­d­rub Öser und Karma Nge­leg Tend­zin sowie der bereits erwähnte Nyingma-Wissenschaftler Lochen Dhar­maśrī waren. Die Ent­ste­hung einer eigen­stän­di­gen tibe­ti­schen Astro­no­mie wäre ohne sie nicht denk­bar gewe­sen. Als Aus­gangs­punkt bezog man sich auf einen kano­ni­schen Text mit dem Titel “Vima­la­prabhā”, der ein Kom­men­tar zum berühm­ten Kālacakra-Tantra war. Es ging den dama­li­gen Gelehr­ten um nicht weni­ger, als den Vor­wurf aus der Welt zu schaf­fen, die dort ver­brei­te­ten Erkennt­nisse über Astro­no­mie und Astro­lo­gie seien ver­fälscht wor­den und ent­sprä­chen nicht mehr der vom his­to­ri­schen Bud­dha gelehr­ten Erkennt­nisse. Inter­es­san­ter­weise war für die Aus­ar­bei­tung einer tibe­ti­schen Astro­no­mie die direkte Beob­ach­tung des Him­mels­ge­sche­hens kaum von Bedeu­tung. Die Phugpa-Linie, die schon im 15. Jahr­hun­dert neben ande­ren For­schungs­li­nien der­sel­ben Art bestand, ent­wi­ckelte sich bald zur bedeu­tends­ten Schule der Astro­no­mie. In Klos­ter Tshurpu gab es eine wei­tere bekannte For­schungs­li­nie. Die Gelehr­ten ver­öf­fent­lich­ten ihre umfas­sen­den Erkennt­nisse damals als Block­dru­cke. Man befasste sich mit Kalen­der­be­rech­nun­gen und Astro­no­mie. Die Astro­lo­gie wurde eher als Neben­pro­dukt erforscht. Gleich­wohl wurde gerade sie spä­ter im Volk bedeu­tend. Ohne astro­lo­gi­sche Befra­gun­gen wurde im his­to­ri­schen Tibet kein wich­ti­ges Ereig­nis began­gen, kein Ter­min für eine Kinds­taufe, Pil­ger­reise oder Hoch­zeit festgelegt.

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