Stichomantie
Stichomantie (auch: Bibliomantie) bezeichnet eine divinatorische Praktik, die in dem Wahrsagen aus zufällig gewählten Textpassagen besteht. Hierzu wird eine Frage gestellt oder ein Problem erläutert und mit einem spitzen Gegenstand ziellos in eine Buchseite gestochen. Der dabei getroffene Absatz wird als Antwort auf die Frage bzw. als Lösungsweg für das Problem gedeutet. Ursprünglich handelte es sich bei den literarischen Einsatzmitteln jedoch nicht um Bücher, sondern um einzelne mit Versen beschriebene Zettel, die blind aus einem undurchsichtigen Gefäß gezogen wurden.
Eine uralte Disziplin
Schon seit der Antike wird die Kunst der Stichomantie betrieben. Während ihrer Entstehung wurden für das Orakel in erster Linie die Texte philosophischer Kapazitäten herangezogen, z. B. Homer oder Vergil. Diese hatten den Vorteil, dass sie sich nicht mit Belanglosigkeiten aufhielten, sondern auf jeder Seite tatsächlich eine Menge Weisheiten enthielten, die sich als Antworten eigneten, ohne dass diese erst langwierig entschlüsseln werden mussten. Später, als das Christentum Einzug gehalten hatte, griff man für die Weissagung verstärkt auf die Texte der Bibel zurück. Im Allgemeinen wurde dabei auf den spitzen Gegenstand zur Seiten– und Absatzsuche verzichtet. Stattdessen wurde die Bibel an irgendeiner Stelle aufgeschlagen und mit dem Finger auf eine Textstelle gezeigt. Diese Praxis mithilfe der Heiligen Schrift ist noch heute als “Däumeln” oder — als Silvesterbrauch — als “Bibelstechen” bekannt.
Von der Kirche geächtet
Wie fast alle Weissagungstechniken wurde auch die Stichomantie vom mittelalterlichen Kirchenwesen als okkulte Handlung eingestuft und somit der Häresie zugeordnet, zumindest sofern philosophische Texte oder gar die standardmäßigen Werke anderer Religionen zugrunde gelegt wurden. Insbesondere die Philosophie entwickelte sich zum Gegner des Christentums, weshalb Werke von Homer (man sprach hier von “Sortes homericae”) oder die sibyllinischen Bücher für die Weissagung tabu waren. Das Wahrsagen mittels der Bibel blieb jedoch frei von dieser Ächtung und wurde sogar vom Klerus selbst praktiziert.
Ähnlichkeiten und Abwandlungen
Es gibt eine Reihe Techniken, die eng mit der Stichomantie verwandt sind. Dazu gehört nicht zuletzt das chinesische I Ging, dessen Gesamtsystem jedoch weitaus komplizierter ist. Eine sehr moderne (und zum Teil computerabhängige) Variante der Bibliomantie ergibt sich aus dem angeblich von dem Journalisten Michael Drosnin entdeckten Bibelcode, dessen Prophezeiungen jedoch allgemeiner Natur sind und der durch verschiedene “Gegenproben” (der vermeintliche Code ist in jedem Buch zu finden) als zweifelhaft gilt.
Moderne Auffassungen
Wie alle divinatorischen Praktiken kann auch die Stichomantie nicht durch das Kausalitätsprinzip gedeckt werden. Eine exakte und statistisch nicht als zufällig deklarierbare Antwort wäre nur auf dem Wege der synchronistischen Hypothese wissenschaftlich erklärbar bei gleichzeitiger Akzeptanz, dass alle existierenden Dinge auf noch unbekannte Weise miteinander verwoben sind. Tatsächlich hat die neuere Chaosforschung Ergebnisse zutage gefördert, die diese Auffassung zu bestätigen scheinen. Rein psychologisch ergibt sich jedoch ebenfalls ein sehr interessantes Bild von der Natur dieser Divinationsform: Generell wurden (und werden) für die Stichomantie zumeist Schriften benutzt, die als wegweisend gelten und schon in ihrer eigentlichen Form Wissen und Antworten beinhalten. Durch die “Antwort”, die eigentlich einem völlig anderen Text entstammt, der mit der gestellten Frage in Wirklichkeit nichts zu tun hat, entwickelt das Unterbewusstsein des Fragenden Assoziationen zu bisher vernachlässigten oder nicht erkannten Lösungswegen. Die Praktik der Bibliomantie setzt somit innere Kräfte frei und fokussiert den Blick auf das Wesentliche. Der zufällig ermittelte Text dient hierzu lediglich als Ansporn. Doch trotz allen physikalischen und psychologischen Betrachtungen kann ein übersinnlicher Ursprung gelungener Weissagungen bislang weder bewiesen noch widerlegt werden.
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